Wenn öffentliche Institutionen digitale Plattformen für Millionen Menschen bauen, geht es nie nur um eine einzelne Funktion oder ein cleveres Feature. Es geht um digitale Daseinsvorsorge: Infrastruktur, die nicht ausfallen und niemanden ausschließen darf und die in fünf Jahren noch genauso zuverlässig funktionieren muss wie am ersten Tag.
Genau dieses Spannungsfeld war der Ausgangspunkt der Panel-Diskussion am 26. Juni 2026 zum 5-jährigen Jubiläum von &:
Das Panel hat unterschiedliche Perspektiven aus Publizistik, öffentlicher Verwaltung, Strategieberatung und Engineering vereint: Neben der Digital-Expertin Ingrid Brodnig, dem CIO von Wiener Wohnen Patrik Ertler und accilium-Partner Markus Kaiser, hat Andreas Wittmann, Co-Founder von andamp und Experte für KI in der Softwareentwicklung, das Speaker-Quartett komplettiert. Gemeinsam beleuchteten sie die Chancen und Herausforderungen für die Infrastruktur von morgen.
Das Partnerschafts-Problem: Warum Innovation im Piloten stirbt
Patrik Ertler, CIO von Wiener Wohnen, bringt das Grundproblem vieler Großorganisationen auf den Punkt: Sie haben die Umsetzungskraft, aber nicht immer den Marktblick. Und sie haben Spielregeln: Vergaberecht, Compliance und politische Prioritäten. Diese machen das Experimentieren schwer.
Sein Ansatz dagegen ist bewusst strukturell: interne Ressourcen schaffen, die nicht bei jeder Sparrunde wegfallen. Management-Bewusstsein aufbauen, dass Innovationskraft keine Kür ist, sondern direkt mit Krisenfestigkeit zusammenhängt. Und vor allem: gezielte, langfristige Partnerschaften eingehen, statt Dienstleister:innen auszuschreiben.

Markus Kaiser, Senior Partner bei accilium und ehemaliger Geschäftsführer des Bundesrechenzentrums, ergänzt das um drei Bedingungen, ohne die Skalierung kaum gelingt:
- Es braucht jemanden mit echter Ownership, der ein Projekt von der Idee bis zum laufenden Betrieb begleitet und Blockaden aus dem Weg räumt.
- Man muss von Beginn an mit dem Produktionsziel im Kopf arbeiten, nicht mit dem Anspruch eines Piloten, der irgendwann einmal skalieren soll.
- Partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist die einzige Umgebung, in der Risiken wirklich offen besprochen werden können.
Der Unterschied zwischen einem Piloten, der im Schubladenprojekt endet und einem System, das Millionen Menschen täglich nutzen, ist organisatorischer Natur und selten technischer.
Wessen Ziele stecken im Algorithmus?
Wenn ein öffentlicher Auftraggeber eine Fertiglösung eines internationalen Tech-Konzerns einsetzt, kauft er nie nur die Funktion. Er kauft auch das Geschäftsmodell, das dahinter steckt. Und das ist selten deckungsgleich mit den Zielen einer Verwaltung.
Ingrid Brodnig, Publizistin und scharfsinnige Beobachterin digitaler Machtstrukturen, stellt die entscheidende Frage: Mit welchem Unternehmensziel wurde dieser Algorithmus entwickelt? Neben dem sichtbaren Nutzen für User:innen verfolgen viele Plattformen stille Zusatznutzen: längere Verweildauer, Klickdaten, Trainingsmaterial für KI-Modelle. Bei großen internationalen Lösungen ist dieser Zusatznutzen oft so vage in den AGB versteckt, dass er praktisch nicht herauslesbar ist.
Ihr Punkt ist ein Aufruf zur Klarheit: Je enger die Kooperation zwischen öffentlicher Hand und Tech-Partner:innen, desto mehr lassen sich die Ziele eines Systems an die Ziele der Verwaltung anpassen, statt umgekehrt. Enge Kooperation schafft Transparenz und diese ist wiederum die Voraussetzung für Vertrauen.

Patrik Ertler bringt das auf die operative Ebene: Bei Wiener Wohnen investiert man bewusst mehr in Rechtssicherheit, als es ein privates Unternehmen tun würde. Mieter:innen müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Daten auch in Zukunft nicht auf US-Servern liegen.
Markus Kaiser ergänzt mit einem unbequemen Befund zum großen Bild: Europa führt die Debatte um digitale Souveränität zu ideologisch und zu wenig faktenbasiert. Statt ideologischer Grundsatzdebatten wäre ein nüchterner Blick auf die tatsächlichen Investitionen der erste notwendige Schritt.
Inklusion: Der teuerste Denkfehler in der Softwareentwicklung
In den meisten Projekten landet Inklusion als letzter Punkt auf der Checkliste, kurz vor dem Go-live, wenn Budget und Zeit bereits aufgebraucht sind. Was dann entsteht, ist eine Nachrüstung, die nicht skaliert.
Ingrid Brodnig mahnt dabei zur Vorsicht: KI-Fehler sind anders als menschliche Fehler, weil sie wahrscheinlichkeitsbasiert entstehen. Das Tückische daran ist, dass ausgerechnet die Fehlerquote, etwa fünf Prozent, kaum auffindbar ist, wenn ein System sonst zuverlässig funktioniert. Wo Entscheidungen Menschen direkt betreffen oder Haftungsfragen entstehen, ist das ein echtes Risiko.
Gleichzeitig sieht sie eine klare Chance: KI eignet sich hervorragend für Aufgaben, die niemand gerne macht und bei denen ein kleiner Fehler kaum ins Gewicht fällt. Ihr Beispiel aus dem Journalismus: automatisch generierte Untertitel für Social-Media-Videos, die früher händisch eine Dreiviertelstunde Arbeit pro Clip bedeuteten. Genau solche Aufgaben lassen sich auch in der öffentlichen Verwaltung finden und schaffen Kapazität in Teams, die eher kleiner als größer werden.
Für die Skalierung durch Inklusion hatte Markus Kaiser ein konkretes Beispiel parat. Singapur, mit 6 Millionen Einwohner:innen deutlich kleiner als Österreich, hat Inklusion als harte Designanforderung in jede digitale Architektur festgeschrieben. Das Ergebnis: Die zentrale Government-App kommt auf 350 Millionen Transaktionen pro Jahr. Die ID Austria erreicht 12 Millionen pro Monat. Die Differenz ist eine Frage des Designansatzes, nicht der Bevölkerungsgröße.
Ein zweites Beispiel: Indien hat seine Government-App um eine vollständige Sprachein- und -ausgabe erweitert. Wer nicht lesen kann, spricht die App einfach an. Inklusion per Design heißt hier: Zugang unabhängig von der Lesekompetenz.

Ingrid Brodnig bringt den Zugang auf den einfachsten Nenner: Der wichtigste und am häufigsten unterschätzte Schritt zu Inklusion ist einfache Sprache als Grundbedingung. Barrierefrei heißt im Kern: nicht verkomplizieren. Weder sprachlich noch in der Menüführung.
Patrik Ertler macht den gesellschaftlichen Effekt greifbar: Wenn Sozialarbeiter:innen zehn Prozent weniger Zeit für Dokumentation brauchen, sind das zehn Prozent mehr Zeit für Mieter:innen, die in Schieflage geraten sind. Digitalisierung ist in diesem Kontext ein direkter Hebel für soziale Teilhabe.
Ein zweiter, oft übersehener Effekt ist Transparenz selbst. Klarere Daten und Prozesse helfen Kund:innen zu verstehen, wie Abläufe funktionieren und wohin sie sich wenden können. Für Herrn Ertler ist dies ein genauso direkter Beitrag zur sozialen Teilhabe wie die gewonnene Zeit.
Andreas Wittmann, Co-Founder von &, zeigt, wie sich dieses Prinzip in der Entwicklung konkret umsetzen lässt, mit KI als kontinuierlichem Begleiter statt als nachträglicher Prüfinstanz:
„Was man jetzt mit KI schaffen kann, ist, sich eine Barrierefreiheits-Expert:in direkt an den Schreibtisch zu setzen, die bei jeder Feature-Entwicklung mitschaut und Input gibt. So passiert das nicht am Ende, sondern während der Entwicklung gleich mit."
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Für ein österreichisches Ministerium hat & eine App in acht bis neun Sprachen gebaut. Die erste Übersetzung stammte von professionellen Übersetzer:innen. Aber eine App wird nach dem Launch weiterentwickelt: neue Screens, neue FAQ-Einträge, etc. Für jede Kleinigkeit erneut Übersetzer:innen zu beauftragen, ist unrealistisch. Hier übernimmt KI die laufende Pflege. Dasselbe gilt im Support: Nutzer:innen bekommen Antworten in ihrer eigenen Sprache, auch wenn die Konversation ursprünglich auf Deutsch geführt wurde. Nur bei rechtlich heiklen Aussagen bleibt weiterhin Vorsicht geboten.
KI in der Softwareentwicklung: Mehr als ein Tempohebel
Die häufigste Frage, die Andreas Wittmann zu KI in der Softwareentwicklung bekommt, ist: Macht euch das schneller? Seine Antwort beim Panel war klar: Ja. Aber das ist der am wenigsten interessante Teil.
Der eigentliche Gewinn liegt im gesamten Entwicklungsprozess. KI hilft, Anforderungen präziser zu erheben, bevor eine Zeile Code entsteht. Sie ermöglicht es, aus einem Klickdummy einen echten, klickbaren Prototyp zu bauen, der echtes Nutzer:innenfeedback liefert. Und sie bringt Wissen an den Tisch, das eine einzelne Person allein nicht abdecken kann, ob für Code-Qualität, Architekturentscheidungen oder Barrierefreiheit.
Geschwindigkeit ist nie Selbstzweck. Was zählt, ist bessere Software, die mehr Menschen erreicht, die sicherer betrieben werden kann und die auch in fünf Jahren noch wartbar ist. Das ist der Maßstab, an dem sich KI-Einsatz in der Softwareentwicklung messen lassen muss.

Die Fragen, die offen bleiben
Rund 50 Minuten Diskussion reichen nicht, um die Fragen zu lösen, die das Thema aufwirft. Ein paar davon beschäftigen uns auch nach dem Panel:
- Wie viel Kontrolle ist eine öffentliche Institution bereit abzugeben, damit Innovation wirklich entsteht? Und wo verläuft die Grenze, ab der das zu einem Souveränitätsproblem wird?
- Wenn KI zunehmend Anforderungsanalyse, Prototyping und Barrierefreiheits-Checks übernimmt: Wer trägt dann die Verantwortung, wenn ein System trotzdem Menschen ausschließt?
- Österreich hat mit der ID Austria einen ersten Schritt gemacht. Singapur zeigt, wohin der Weg führen kann. Was bräuchte es, damit Inklusion in Österreich nicht die Ausnahme bleibt, sondern zur Grundbedingung jeder öffentlichen Plattform wird?
- Und schließlich die Frage, mit der das Panel endete: Wenn wir uns in fünf Jahren wieder hier treffen, bei welcher Technologie werden wir uns fragen, wie wir jemals ohne sie ausgekommen sind?
It's time to build: inklusiv, souverän, für Millionen
Bei & bauen wir Plattformen, die für Millionen Menschen funktionieren müssen und dabei souverän, sicher und zugänglich bleiben. Unser AI-First-Ansatz beschleunigt den Entwicklungsprozess, ohne die Enterprise-Stabilität zu gefährden, die unsere Kund:innen brauchen.
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